Systemisch Übergreifen = dem Sound der Retro-formen und Simulacren unterschiebt sich strukturierend der Generalbass: als Fundament zur Analyse heutiger Rahmenzustände für das Bauen und die bildende Kunst. Denn die Fragmentierung der Lebensbereiche grassiert weiter, wie die Illusion von Bewertbarkeit und Verfügbarkeit sich verfestigt. Dagegen sind die Scheinwerfer erneut auf eine Kunst des Handelns zu richten; baut.

Eröffnung am Freitag, 12. November 2004, 19.00
Dauer der Ausstellung, 13. November - 12. Dezember 2004

Öffnungszeiten
Di - So 14.00 - 20.00

Ort
Speckbacher Straße 23 6020 Innsbruck

Führungen
sonntags, 15.00 und nach Vereinbarung

Angebot für Schulklassen
nach Vereinbarung

Gespräche über Kunst, Bauen, Städtebau, deren Lehre, Training und Vermittlung.
jeweils dienstags und donnerstags.


"transgressing systems"


Der Titel spricht unter anderem von „übergreifenden Systemen“, einem „systemischen Übergreifen“. Ausgangspunkte sind Gedanken und Bilder über Kunst, Bauen, Städtebau, deren Lehre, Training und Vermittlung.
Die Ausstellung richtet sich an Betrachter, welche die Wahrnehmung von Stadt aktiv in ihre Handlungsweisen einbeziehen.
„transgressing systems“ ist formal und visuell in der Ausstellung durch horizontale und vertikale Zirkulationskreise umgesetzt.
Im Stiegenhaus baut sich die Bewegung mit Franz Wassermanns Video „Jeder hat ein Recht auf eine Pause und I“, dem Kupferstich über das Erdbeben von Lissabon, den Graphitarbeiten des Kaliforniers Shane Hassett, der anonymen Graphik vom Erdball mit Vulkanen aus dem 18. Jahrhundert, dem Video der Sprengung der ehemaligen Sprungschanze am Bergisel von Franz Schuster auf. Die Atmosphäre baut sich über die Hell/Dunkel-, Schwarz/Weiß-Strukturen auf. Die Dimensionen steigen von individuellen Erschütterungen über häusliche Verhältnisse, städtebaulichen Situationen über zur planetarischen Dimension.
Die Ausstellung spürt den Paradigmen eines auf die Zukunft ausgerichteten Bauens nach, das unsere derzeitigen Erfahrungen in die sich verändernde Entwurfspraxis in der Architektur, Bildenden Kunst und den Gesellschaftswissenschaften hineinnimmt.
Konzepte und Beispiele dafür werden anschaulich zu einander in Bezug gesetzt. Dies geschieht im Hinblick auf die feststellbaren Erschütterungen in der gegenwärtigen Massengesellschaft.
Die Fragen der Identität Europas und der zukunftsorientierten Handlungsfähigkeit seiner Bewohner als Rahmenbedingung für eine Entwicklung in Tirol sind ebenfalls Anforderungen des künftigen "Bauens" im weiteren Sinne.
Die Darstellung entfaltet sich über künstlerische Medien – Zeichnungen, Planskizzen, Fotografien, Video, Film, Installationen – , aber auch über Vorträge und Workshops für die interessierte Öffentlichkeit.
Die Ausstellung entwickelt konstruktive Ausblicke auf die aktuell gegebene Ausgangslage.
Die Ebene, welche die kritische Dimension untersucht, wird hier als Generalbass bezeichnet. Sie analysiert die fortgesetzt angebotene Nostalgie der Retro-Formen und Simulacren. Um die Felder der Analyse heutiger Rahmenbedingungen und Einflüsse auf die Architektur und bildende Kunst aufzuspannen, wird in dem Projekt veranschaulicht, warum Versicherungsdenken heute als unerlässlich betrachtet wird, die Fragmentierung der Lebensbereiche
weiter betrieben wird und wie sich die scheinbar allzeitige Verfügbarkeit und Bewertbarkeit auswirken.

^ Seitenanfang



^ Seitenanfang

Der erste Akt untersucht die Möglichkeit der Übersetzung und der damit verbundenen Umschöpfung. Die eingeschlagene Piste ist die eigenständige Handhabung von Denkmustern und die bewusste Wahrnehmung gegebener Sachverhalte und deren freie Nutzung.
Berühmtes Mobiliar der Moderne: für Christoph Blum sind Baustellen Material, Oberfläche und Metapher, mit denen Verläufe zur ästhetischen Darstellung gebracht werden.
In der Arbeit „Die nutzbare Bodenflächen bei Panik“ manifestiert Peter Bux psychische Dichte in gemalte Konfigurationen, die teilweise fast florale Formen annehmen. Seine Zeichnungen führen diese Vorgehensweise weiter.
Der zweite Akt befasst sich mit der Herstellung des Öffentlichen und der damit verbundenen erforderlichen Erneuerung der Streitkultur. Damit hängt die
Frage nach ethischer Disposition zusammen, die dem demokratischen Prinzip zugrunde liegt, das andernfalls als politische Form nicht weiter existiert.
Der freie Raum mit einem Kachelofen, den Äpfeln, dem Tisch, dem Gästebuch stammt von dem Kollektiv Europäische Kulturhauptstadt Innsbruck. Es lädt dazu ein, am Tag des Besuchs Bilanz zu ziehen und sich zu engagieren.Die benachbarte Arbeit von Urs Breitenstein gibt medial vermittelte Impulse. Günther Steiners Computerzeichnungen befassen sich mit der lebensrettenden und das Leben organisierende Maßnahmen.
Der Text über das Erdbeben in Innsbruck nimmt Beschreibungen auf, welche in die kollektive Erinnerung der Bevölkerung eingegangen ist. Solche Erfahrungen aus der Geschichte, ob verarbeitet oder nicht, bilden Energien im Gemeinschaftswesen aus. Es kann sich dabei auch ein Sensorium für die durch den Menschen herbeigeführte Zerstörung entwickeln. Ein solches Sensorium nimmt den Zerfall öffentlicher Institutionen wahr und erarbeitet konstruktive Alternativen.
Der dritte Akt setzt sich mit Vorstellungen urbaner Organisation, der Stadt als Wildling, auseinander, der durch weiteres Bauen veredelt wird. Bauen ist in diesem Zusammenhang als Überwachsen, Verdichten und Freihalten zu lesen und stellt sich ebenfalls durch soziale und sprachliche Aktion dar.
Die Bildhauerin Pia Steixner greift die formale, prozeßbetonte, auf mögliche Baudetails hinweisende Komponenten des Objekts auf. Heizbrikets sind die Elemente der gebauten Form, die in den vier Wochen der Ausstellung in den Kachelöfen zunehmend verschwindet. Das Verheizen, die Kachelöfen als Relikte der früheren Bewohnung des Gebäudes, wird zum Bestandteil der gezeigten Skulptur.
Die Architektin Odile Decq nimmt den Raum von einer sprachlichen („Space is dancing for the body“) und architektonischen Seite auf. Mit ihrem Billboard „confident“ überträgt sie die überdimensionale Abbildung eines Sitzmöbels in den Stadtraum.
Dem antwortet an der weiteren Fassade des Eckhauses der Billboard von Yves Netzhammer, der einem allgemein bezeichneten Menschen Äste, Zweige und Blätter wachsen lässt. Oder ist er von diesen beschossen worden?
Der vierte Akt richtet die Scheinwerfer auf eine notwendige Kunst des Handelns, in der die Grenzen ebenso thematisiert, wahrgenommen und aktiviert werden, wie die unbesetzten, entwerteten, verfallenden Orte in unserer gegenwärtigen Gesellschaft.
Als eine der Bahnen, die sich beschreiten läßt, erwähnt André Breton in seinem Roman „L’Amour fou“: „Hart am Abgrund, wie der Stein der Weisen gebaut…“

^ Seitenanfang

 


1 Nicole Six & Paul Pertritsch,Fotografien

2 Jochen Gross, Reifensofa
Peter Bux, o.T., Zeichnung

3 Josef Lackner
Gymnasium für Mädchen der
Ursulinen Innsbruck,
Pläne, Modell

4 Peter Bux, Nutzbare Flächen bei Panik
Zeichnungen

5 Christoph Blum
Unbekannt/Wagenfeld
Marcel Breuer, B33
Roberto Matta, Malitte
Superstudio, Quaderni M= 1:1
Skulpturen

6 Yves Netzhammer Wir gehören unseren
Organen und können nur begrenzt unser
Leben planen, Video

7 Franz Wassermann Tatenträger 2004
Zeichnungen, Stuhl

8 Franz Wassermann
Jeder hat das Recht auf eine Pause
2000, Video

9 Die Wirkung des Erdbebens auf
Lissabon in Europa, Kupferstich
Deutschland 1756

10 Shane Hassett
Ciculate, Zeichnungen mit Graphit

11 Die Erdball, der die Gründe der
Erdbeben zeigt

12 Hans Grissemann
aus Heimatbuch, Innsbruck in alter
Zeit, Innsbruck 1961

13 Shane Hassett
Running, Fotografie

14 Thomas Steffl “somersalt Minsk”, Installation
mit Film und Foto

15 Odile Decq Liaunig Museum, Ort: Neuhaus
Pläne

16 Pia Steixner
Sieben Ster, Holzbrikks, Skulptur

17 Kollektiv Kulturhauptstadt Innsbruck
Buch der Wünsche, Ankündigung der
2.Ebene von transgressing Systems
Günther Steiner

18 André Breton
aus Roman: L’amour fou, Editions
Galliimard, Paris 1932

19 Urs Breitenstein
Das Hausbuch
A photography tried to open the door,
2000/2004 Textcollage

20 Franz Schuster, Sprengung der ehemaligen
Sprungschanze Innsbruck, Video

21 Saskia Schüler, Morgen ist auch noch ein Teg
Wandzeichnung, Ösenbett Wandzeichnung
und Textil mit Ösen

22 Büro Buchrainer und Gruber, Olympiahalle
Pläne

24 Yves Netzhammer Die Zeit bis eine Form
entsteht, addiert mit der Zeit, bis die Form
zerstört ist

25 Mario Handle Ich glaub ich steh im Wald
Installation über Architektur 2004

26 Odile Decq “confident/vertraulich”
Fassadenbild Speckbacherstrasse

27 Yves Netzhammer Die Zeit bis eine Form
entsteht, addiert mit der Zeit, bis die Form
zerstört ist